Den Anspruch auf eine ärztliche Zweitmeinung gibt es schon lange. Dennoch ist das vielen Versicherten nicht bekannt. Jeder Versicherte soll bei seiner höchst persönlichen Entscheidungsfindung „für“ oder „gegen“ einen bestimmten planbaren medizinischen Eingriff nochmals einen anderen Arzt bzw. Ärztin befragen können.

Das ist auch richtig so!

Jede planbare Operation stellt ein Risiko dar. Deshalb hat der Gesetzgeber bereits 2015 festgelegt, dass gesetzlich Krankenversicherte in definierten Fällen einen Anspruch auf eine ärztliche Zweitmeinung haben. Diese ist als unabhängige Meinung einzuholen. Jede Patientin und jeder Patient hat in Deutschland die Möglichkeit, eine zweite ärztliche Meinung einzuholen. Wie viele von diesem Recht Gebrauch machen, und welche Auswirkungen eine zweite Meinung auf die eingeleitete Therapie hat, das ist abzuwarten. Krankenkassen schließen mittlerweile Verträge mit ausgewählten Ärzten. So vermittelt beispielsweise die Barmer GEK den Patienten zu einem Knie-Spezialisten. Der Zweitmeinungs-Experte ermöglicht in der Regel binnen 14 Tagen den Termin, sichtet bisherige Befunde und Therapieempfehlungen und berät den Betroffenen über Behandlungsoptionen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Krankenkassen das Zweitmeinungsverfahren als Satzungsleistungen auf der Grundlage von Verträgen zur integrierten Versorgung (IV) aufnehmen. Das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz hat u.a. festgelegt, dass eine Zweitmeinung in der Regel 10 Tage vor dem geplanten Eingriff erfolgen soll. Die Zweitmeinung darf nicht in der Einrichtung eingeholt werden, in der der Eingriff vorgenommen werden soll.

Welches Ziel soll damit verfolgt werden?

Zum einen sollen die Patient:innen ausreichend Bedenkzeit haben bevor sie einen planbaren Eingriff durchführen lassen, zum anderen, und das ist politischer Wille, sollen Kosten eingespart werden.

 

Zweitmeinung ist nicht gleich zweite Meinung

Auf dem Deutschen Krebskongress wurde darüber diskutiert, dass nicht jeder unter Zweitmeinung das Gleiche versteht. Wenn sich ein Patient persönlich vorstellt, um eine zweite Meinung von einem Facharzt zu hören oder wenn nach „Aktenlage“ eine zweite Meinung durch Experten abgegeben wird? Und was ist mit den Expertenkonsilen? Wo Ärzte z.B. Kollegen anfragen? Laut Prof. Marc Schrader, Chefarzt der Klinik für Urologie am Helios Klinikum Berlin-Buch, sind die Anfragen von Ärzten stetig gestiegen. Er schilderte, dass „jede sechste Zweitmeinung zu einer relevanten Therapieänderung führte. Die Zweitmeinungen hätten in zwölf Prozent der Fälle den Therapieumfang reduziert und ihn in etwa fünf Prozent intensiviert. „Der Effekt ist nicht unerheblich.“  Dennoch ist es wichtig, dass die Patienten nicht verunsichert werden, insbesondere dann, wenn die erste Meinung von der Zweitmeinung abweicht.

Online-Sprechstunden wären eine gute Alternative zum Arztgespräch in der Praxis. Allerdings müssen sich diese in Deutschland an das jeweils geltende Berufsrecht der Ärzte orientieren. Eine abschließende Diagnose darf nur in der Arztpraxis erstellt werden. Die Schweizer sind da schon etwas weiter. Es gibt ein medizinisches Callcenter und Telemedizinzentrum indem medizinische Telefon- und Internetberatung mit speziell geschulten Ärzten durchgeführt werden. Selbst Apotheker können sich zuschalten und eine gemeinsame Beratung findet dort mit dem Patienten statt. Lange Warte- und Wegezeiten lassen sich dadurch ggfs. sparen.

Schade, wenn die zweite Meinung nur für wenige Eingriffe vorgesehen ist.

Das Positionspapier der Deutschen Krebsgesellschaft finden Sie hier 06072015_Positionspapier_Zweitmeinung

 

Ärztliche Zweitmeinung: G-BA beauftragt Institut

Seit vielen Jahren wird eine mögliche Überversorgung von Patient:innen angenommen. Das heißt, es werden ggf. Eingriffe vorgenommen, die nicht notwendig sind.

Deshalb beauftragt der G-BA das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) damit, therapeutische Eingriffe oder diagnostische Maßnahmen zu identifizieren, die für eine Aufnahme in die Zweitmeinungs-Richtlinie des G-BA infrage kommen.

Es gibt eine Zusammenstellung vom IQWIG, in der sich unter anderem kardiologische, kardiochirurgische sowie gefäßchirurgische Eingriffe und Untersuchungen befinden. Des Weiteren sind HNO-Eingriffe, abdominal-chirurgische Operationen, Prostatektomien bei unterschiedlicher Indikation und der Hüftgelenksersatz bei Coxarthrose Teil der Institutsempfehlung.

Um zuverlässige Aussagen tätigen zu können, ist eine wissenschaftliche Herangehensweise notwendig, dazu gehört eine gute Literaturrecherche. In einer nationalen und internationalen Literaturrecherche fand das IQWIG Prozeduren und Eingriffe, bei denen eine mögliche Überversorgung besonders intensiv diskutiert wird. Die Auswertung und Kombination von verschiedenen Kriterien, die bei der Auswahl weiterer geeigneter Eingriffe für das Zweitmeinungsverfahren eine Rolle spielten, waren u.a. die Mengenentwicklung, die Eingriffshäufigkeit, Mengendynamik, regionale Variation. Das IQWIG hat für die folgenden 15 Eingriffe und Eingriffsgruppen die deutlichsten Hinweise gefunden, dass ein Zweitmeinungsverfahren für Patienten:innen eine Unterstützung bei ihren Entscheidungen sein könnte.

 

Ärztlich Zweitmeinung, hierzu könnte laut IQWIG gehören:

  • Herzkatheter-Untersuchung
  • Myokardperfusionsbildgebung (radiologische Herzdurchblutungsdiagnostik)
  • Myringotomie (Trommelfellschnitt zur Einlage eines Paukenröhrchens bei chronisch rezidivierenden Mittelohrentzündungen)
  • Nasenoperationen
    • Operationen an unterer Nasenmuschel
    • submuköse Resektion und plastische Rekonstruktion des Nasenseptums (Nasenscheidewandoperationen)
  • Herzklappenersatz
  • Koronararterien-Bypassoperation (CABG) (operative Anlage von Umgehungsgefäßen bei Verengung der Herzkranzarterien)
  • Implantation eines Defibrillators/Herzschrittmachers
  • Endarteriektomie (Arterienausschälung)
  • Aortenaneurysma-Eingriffe
  • bariatrische Chirurgie (Adipositas-Operationen)
  • Cholezystektomie (Entfernung der Gallenblase)
  • Prostatektomie (benigne und maligne Erkrankungen)
  • Hüftgelenkersatz
  • elektrophysiologische Untersuchung und Ablation am Herzen (Untersuchung und Ausschaltung übererregbaren Herzgewebes)
  • perkutane Koronarintervention (PCI) (kathetergestützte Eingriffe zur Durchblutungsverbesserung in verengten Herzkranzarterien)

Es wurde ein sogenannter Rapid Report erstellt. Es standen hier nur kurzfristig empirische Daten für die stationäre Versorgung aus der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zur Verfügung. Ein vollständiges Abbild der Versorgungssituation war nicht gegeben für einige Eingriffe, denn die ambulanten Leistungserbringung durch niedergelassene Ärzte:innen/Operateure fehlte.

Es besteht lt. IQWIG noch Klärungsbedarf.

Hier geht´s zum >>> Rapid Report

Quelle: Pressemitteilung IQWIG, abgerufen am 29.3.2021

 

Gemeinsamer Bundesausschuss: Richtlinie Zweitmeinungsverfahren

Für welche Eingriffe eine Zweitmeinung konkret gilt, legt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in der dafür vorgesehenen Richtlinie zum Zweitmeinungsverfahren fest.

Die folgenden Bereiche sollen nun für das Zweitmeinungsverfahren aufgenommen werden. Vorher muss allerdings noch im G-BA beraten werden, ob die planbaren Eingriffe am Herzen in seine Zweitmeinungs-​Richtlinie (Zm-RL) aufgenommen werden sollen:

  • Implantation eines Defibrillators beziehungsweise Herzschrittmachers elektrophysiologischen Herzuntersuchung und
  • dem Veröden von krankhaftem Herzmuskelzellen (Ablation).

Gleichzeitig hat der G-BA das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beauftragt, Entscheidungshilfen zu diesen Themen für Patient:innen zu erstellen.

Der Anspruch auf eine Zweitmeinung für die beiden neu hinzugekommen Eingriffe wird wohl erst Ende 2021/Anfang 2022 möglich sein, so lange dauert das Verfahren noch.

Quelle: Pressemitteilung G-BA,  abgerufen am 15.7.2021

 

Hierauf gibt es bereits einen Anspruch:

  • Amputation beim diabetischen Fußsyndrom
  • Eingriff an Gaumen-​ oder Rachenmandeln (Tonsillektomie, Tonsillotomie)
  • Gebärmutterentfernung (Hysterektomie)
  • Gelenkspiegelungen an der Schulter (Schulterarthroskopie)
  • Implantation einer Knieendoprothese
  • Eingriffe an der Wirbelsäule, in Kraft seit 18.11.2021:
    1. Osteosynthese (dynamische Stabilisierung) an der Wirbelsäule,
    2. Spondylodese,
    3. Knöcherne Dekompression,
    4. Facettenoperationen (Facettendenervation, -Thermokoagulation, – Kryodenervation),
    5. Verfahren zum Einbringen von Material in einen Wirbelkörper (mit oder ohne vorherige Wirbelkörperaufrichtung),
    6. Exzision von Bandscheibengewebe oder
    7. Implantation einer Bandscheibenendoprothese

Informationen und konkrete Inanspruchnahme zu Zweitmeinungen stellt der G-BA in einer Patienteninformation – auch in Leichter Sprache zur Verfügung.

 

Quelle: G-BA, 19.11.2021

 

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